Kompass feiert dieses Jahr seinen 30ten Geburtstag

Matthias Baaß: 
Liebe KOMPASS-Freunde!

Vor dreißig Jahren war es fast exotisch über den Klimawandel zu sprechen. Dieter Walch, bekannt aus dem ZDF als Moderator des Wetterberichts kam nach Viernheim und schilderte vor großem Publikum im Bürgerhaus die Situation. Der Vortrag fiel nicht vom Himmel, Ausgangspunkt war das Handeln der damaligen Rathausspitze um Norbert Hofmann und Manfred Dewald, die mit ihrem Antrag beim Land Hessen Viernheim zur Energiesparstadt und Brundtlandstadt gemacht hatten. Schon damals war klar: die nötigen gesellschaftlichen Veränderungen werden nur zusammen mit der Bevölkerung gelingen, nicht gegen sie. So entstand der Verein Kompass, als Bürgervereinigung, so wie es bei einem Verein eben ist.

Getragen vom Engagement von Bürgerinnen und Bürgern, kombiniert mit der hauptamtlichen Unterstützung aus dem Kompass-Büro, sind in den nun zurückliegenden 3 x 10 Jahren viele Projekte entstanden, vor allem vieles, was dauerhaft geblieben ist. Vom Frühjahrsputz über das Handy sammeln bis hin zu den Naturentdeckern.

Bei allen, die in der Vergangenheit und heute mitwirken, um unsere Vereinsziele zu verwirklichen, möchte ich mich sehr bedanken. Es bleibt nach wie vor viel zu tun!

Herzlichst
Ihr

Matthias Baaß
Vorsitzender

die Anfänge von Kompass - Sommer 1993
die Anfänge von Kompass - April 1995

Die KOMPASS-Umweltberatung feiert 30. Geburtstag

Als ABM-Maßnahme in Trägerschaft der Viernheimer BUND-Gruppe startete im Herbst 1988 die Viernheimer Umweltberatung.
Auf Basis der Erfahrungen mit der Umweltberatung wurde im Anschluss, im Mai 1991, unter Vorsitz des damaligen Bürgermeisters Norbert Hofmann der Verein Kompass gegründet.
Die Geschäftsführung übertrug man Anita Heckmann-Schradi, die bis Anfang 2013 die Arbeit des Vereins gestaltete.
Die Umweltberatung bot den Bürgerinnen und Bürgern Informationen, Veranstaltungen und Beratungen zu vielen aktuellen Umweltthemen.

1997 übernahm Matthias Baaß als neuer Bürgermeister in Viernheim den Vorsitz im Verein.
Im April 1998 beschloss die Stadtverordnetenversammlung in den Konsultationsprozess mit der Bevölkerung zur Erstellung einer lokalen Agenda 21 einzutreten.
In der darauffolgenden Zeit organisierte die KOMPASS-Umweltberatung zahlreiche Zukunftsworkshops mit verschiedenen Akteuren zu den Themen: Erhaltung unserer Lebensgrundlagen, Interkulturelles Zusammenleben und Bildung für eine nachhaltige Entwicklung.
Des Weiteren bildeten sich diverse Interessensgruppen wie das Viernheimer Wirtschaftsforum, das Internationale Frauencafé, die Agenda Gesundheitstreff, die Gruppe Wohnen 50 + und der Arbeitskreis Stadtbild/Stadtgestaltung.

Im Juni 2001 nach dem Beschluss der Stadtverordnetenversammlung zur Umsetzung der Agenda 21, starteten zahlreiche Projekte, wie zum Beispiel:
-Gesunde Kinderwelten,
-Wir sind Viernheimer,
-Viernheim – gesund mobil und
-natürlichViernheim,
die teilweise bis heute fortgeführt werden. 

Nach dem Ausscheiden der Umweltberaterin Anita Heckmann-Schradi, Anfang 2013, wurde das Umweltbüro dem städtischen Brundtlandbüro organisatorisch zugeordnet. Die aktuellen Angebote für Groß und Klein setzen nun mehr auf Mitmachen und Umwelt erleben.
So gibt es neben dem Viernheimer Frühjahrsputz und dem Juniorförsterdiplom, die Kooperation mit dem BUND natürlichViernheim, die Kooperation mit dem städtischen Brundtlandbüro Viernheim summt, die KOMPASS-Naturentdecker und die KOMPASS-Hobbynaturfotografen.

Leider fällt der 30. KOMPASS-Geburtstag ins zweite Coronajahr, so dass eine Feier nicht stattfinden kann. Dafür findet man ein paar Geburtstagsbonbons auf unserer Vereins-Homepage unter den Rubriken Aktuelles und Unterhaltsames. Dort gibt es u. a. unterhaltsame und informative Tiergeschichten von Dr. Mario Ludwig, bekannt durch seine Bücher, Podcasts und TV-Auftritte und beeindruckende Bildershows der Viernheimer Naturfotografin Andrea Herschel.

Gernot Ruoff und Margit Schneider

Jubiläumsbonbon

12 Tiergeschichten exklusiv für KOMPASS geschrieben von Dr. Mario Ludwig, Biologe und Wissenschaftsjournalist aus Karlsruhe, Er ist bekannt dafür, als Fachbuchautor, informativ und sehr humorvoll das Skurrile im Tierleben zu beleuchten. Mittlerweile hat er über 30 Bücher geschrieben, die in 5 Sprachen übersetzt wurden. Er ist gern gesehener Gast in Talkshows wie zum Beispiel bei Kerner und Elstner, hat Auftritte in Fernsehsendung wie Planet Wissen, im Tigerentenclub, bei Galileo Mystery, Welt der Wunder und ist einmal die Woche im Radio mit der Sendung „Das Tiergespräch“ zu hören, um nur mal die wichtigsten zu nennen. Und nun viel Spaß bei den Geschichten:

(c) pixabay

Laubfrosch
Falscher Wetterprophet, Krakeeler und sexueller Trittbrettfahrer

Dr. Mario Ludwig
Liebe Umwelt und Naturfreunde in Viernheim, unser Laubfrosch ist ja sicherlich der bekannteste, aber auch einer der kleinsten und seltensten Frösche Deutschlands. Und er soll, zumindest nach sich hartnäckig haltenden Gerüchen, über eine einzigartige Fähigkeit verfügen: Er soll das Wetter voraussagen können. Ein echter Wetterfrosch eben

Aber können Laubfrösche tatsächlich das Wetter vorhersagen? Die Antwort auf diese Frage ist ein klares Jein! Bekanntermaßen hat man früher gerne Laubfrösche, bevor sie unter Naturschutz gestellt wurden, in Einmachgläser gesetzt, die stets mit einem kleinen Leiterchen ausgestattet waren. Nahm der Frosch hoch oben auf der Leiter Platz, konnte man mit schönem Wetter rechnen, saß er unten, war Regen angesagt – das war zumindest damals die Interpretation.

Die Legende vom Laubfrosch als zuverlässigem Wetterpropheten hat durchaus einen wahren Kern. Nur ist es in allererster Linie sein Appetit und nur indirekt das Wetter, der einen Laubfrosch nach oben klettern lässt. Die bevorzugte Beute des Laubfroschs – Insekten aller Art – fliegt bei schönem Wetter nämlich in größeren Höhen, während die Krabbeltiere sich bei Regenwetter eher in Bodennähe unter den Blättern verkriechen. Und natürlich hält sich ein cleverer Laubfrosch am liebsten dort auf, wo sich auch seine Nahrung befindet. Würde man also einem Laubfrosch im Einmachglas am Boden ausreichend zu fressen geben, würde er auch bei gutem Wetter nicht nach oben steigen. Will heißen, eine „Laubfrosch-Vorhersage“ klappt nur in der freien Natur und dort auch nur bedingt, keinesfalls aber in einem Einmachglas.

Wetterfrosch hin, Wetterfrosch her, Laubfrösche können aber noch mit einem Europarekord aufwarten. Obwohl sie so klein sind, haben sie die lauteste Stimme aller europäischen Frösche. Laubfrösche können aus zwei Gründen so laut quaken: Zum einen haben sie einen riesigen Kehlkopf und zum anderen haben sie noch eine große aufblasbare Schallblase am Hals, die wie ein Verstärker wirkt. In Ruhestellung hängt die Schallblase, wie ein „schlaffer Sack“ an der Kopfunterseite. Das ist übrigens ein Merkmal, an dem man die Geschlechter während der Balzzeit gut unterscheiden lassen. Die Männchen haben einen Kehlsack, die Weibchen nicht. Der Lärm der kleinen Krakeeler kann in einer Entfernung von 50 Zentimetern bis zu 90 Dezibel erreichen. Das ist eine Lautstärke, die für einen Menschen, auf Dauer gesehen, geradezu gehörschädigend ist. Allerdings quaken so richtig laut nur die Männchen und zwar einmal, um ihr Revier zu markieren und Konkurrenten sozusagen akustisch auf Distanz zu halten und zum anderen natürlich auch, um paarungsbereite Weibchen, die aus den Winterquartieren zum Laichgewässer wandern, anzulocken.

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen übrigens, dass die lautesten Schreihälse bei den Damen die besten Chancen haben. Und bei ihren Minnegesängen tun die Laubfroschherren auch noch etwas für ihre schlanke Linie. Das nächtliche Rufen nach den Weibchen ist nämlich derart energieaufwändig, dass die Männchen während der Balz rund 13% ihres Körpergewichts verlieren.

Allerdings sind einige Froschmännchen offensichtlich zu faul oder zu bequem sich dieser strapaziösen Quakprozedur zu unterziehen. Aber auch diese Froschmännchen können bei den Weibchen Erfolg haben, vorausgesetzt sie greifen ganz tief in ihre Trickkiste. Der Grundsatz „ohne Fleiß kein Preis” wird von rund 2 % der Männchen nämlich äußerst elegant unterlaufen. Diese Laubfroschmänner nehmen überhaupt nicht am Gesangswettstreit der Männchen teil, sondern verstecken sich mucksmäuschenstill – ganz in der Nähe eines stimmgewaltigen Quakers. Bewegt sich dann ein von den Minnegesängen angelocktes Weibchen auf den laut rufenden Troubadour zu, springt das „Satelliten-Männchen“, wie der Trittbrettfahrer in Wissenschaftskreisen genannt wird, aus seinem oft nur wenige Zentimeter entfernten Versteck und versucht sich, die arglistig getäuschte die Dame unter den Nagel zu reißen. Leider sind Laubfrösche durch den zunehmenden Verlust ihres Lebensraumes in Deutschland vom Aussterben bedroht.

Glühwürmchen
Leuchtende Liebesbotschaften

Dr. Mario Ludwig
Jetzt, meine lieben Umwelt- und Naturfreunde in Viernheim, in den lauen Frühsommernächten, ruft das grünliche Leuchten der Glühwürmchen eine unnachahmlich romantische Stimmung in unseren Wäldern und Parks hervor. Allerdings ist die Bezeichnung Glühwürmchen gleich doppelt falsch, denn es handelt sich hier keinesfalls um einen Wurm, auch wenn die weiblichen Tiere so aussehen, sondern um einen Käfer, nämlich um einen sogenannten „Leuchtkäfer“. Und ein Glühwürmchen glüht auch nicht, sondern erzeugt in einem enzymatisch gesteuerten chemischen Prozess in speziellen Leuchtorganen ein kaltes Licht.

So ganz genau hat die Wissenschaft noch nicht herausgefunden, wie das die Glühwürmchen mit dem Leuchten hinkriegen. Was man bisher weiß, ist, dass das Leuchten In bestimmten Leuchtorganen der Käfer erzeugt wird und zwar durch eine chemische Reaktion des Leuchtstoffs Luciferin mit dem Enzym Luciferase, an der auch Sauerstoff und ATP beteiligt sind.

Dieser als Biolumineszenz bezeichnete Leuchtprozess ist energetisch äußerst günstig. Energetisch günstig heißt, dass die Lichtausbeute nahezu 100 Prozent beträgt. Im Vergleich dazu beträgt sie bei einer normalen Glühbirne lediglich bescheidene 5 Prozent, während der Rest als Wärme verloren geht. Die Raffinesse des Leuchtvorgangs beginnt schon bei den eigentlichen Leuchtorganen: Die bestehen nämlich genau, wie eine technische Lampe aus drei Teilen. Und zwar aus einer Reflektorschicht, die zum einen verhindert, dass eine Lichtabstrahlung ins Innere des Körpers erfolgt und zum anderen so viele Salzkristalle enthält, dass sich das Licht darin spiegelt und dadurch zurückgestrahlt wird. In den, mit einer Glühbirne vergleichbaren, eigentlichen Leuchtzellen sorgen zahlreiche Mitochondrien (Zellbestandteile), als „Zellkraftwerke” für ausreichend Energie. Und letztendlich bedeckt auch eine durchsichtige Haut die Leuchtorgane an der Außenseite, ähnlich, wie das das Glas bei einer Lampe tut.

Das häufig kolportierte Gerücht, dass man früher bei uns in Deutschland Glühwürmchen in Gefäße gesperrt und als Laternen benutzt hat, stimmt allerdings nicht. Dazu ist die Leuchtkraft unserer Glühwürmchen nicht stark genug. Ganz im Gegensatz zu den, in den Urwäldern Lateinamerikas lebenden Leuchtschnellkäfern, die sehr lichtstark sind. Historiker berichten, dass sich im 16. Jahrhundert südamerikanische Indianer drei oder vier Leuchtkäfer mit einem Faden um den Hals oder an den großen Zeh banden, was durchaus als Wegbeleuchtung genügte. Und der berühmte Forschungsreisende Alexander von Humboldt soll sich angeblich auf einer seiner Südamerika -Expeditionen eine Leselampe gebastelt haben, indem er einen Kürbis aushöhlte, mit Löchern versah und einige Leuchtkäfer darin einsperrte. In der Karibik dagegen wurden Leuchtkäfer früher als Schmuck genutzt: Die Damen dort steckten nämlich für das nächtliche Rendezvous Leuchtkäfer in kleine Gazesäckchen und schmückten damit ihr Haar. Ob dieser Käferschmuck auch auf die Männchen des Homo sapiens gewirkt hat, ist allerdings nicht überliefert.

Und dieses Jahr fliegen sie wirklich mal wieder…
Die Maikäfersuppe

Dr. Mario Ludwig
Liebe Umwelt- und Naturfreunde in Viernheim, Sie haben es wahrscheinlich mitbekommen: Jetzt ist es wieder soweit – die Maikäfer fliegen. Maikäfer sind ja umstritten: Für die einen sind das wunder-bare Frühlingsboten, die viele Menschen an ihre Kindheit erinnern, für andere, vor allem für Förster, sind Maikäfer üble Schädlinge, denen es gilt, möglichst schnell, den Gar aus zu machen. Eine Tat-sache die damit zu tun hat, dass die Käfer Massenvermehrungen durchmachen und dann durch Fraß Bäume schädigen. Die erwachsenen Maikäfer fressen die Blätter der Bäume. Das ist nicht ganz so schlimm, da sich die kahl gefressenen Bäume meist wieder erholen und im Juni noch einmal neue Blätter ausbilden. Viel verheerender ist der Fraß der Engerlinge, der Larven der Maikäfer an den Wurzeln, der gerade an jungen Bäumen schwere Schäden anrichten kann.

Die Maikäferplagen waren früher so groß, dass man im Mittelalter Maikäfer sogar vor Gericht ge-stellt hat. Damals führte die Kirche vor allem in den romanischen Ländern Prozesse gegen Tiere, die beschuldigt waren, einem Menschen Schaden zugefügt zu haben. Angeklagt waren meist Mäuse, Ratten, Heuschrecken oder eben auch Maikäfer. Wenn ein Schuldspruch gefällt wurde, lautete das Urteil meist Exkommunikation oder aber die Tiere wurden einfach des Landes verwiesen. Das hat natürlich nicht geklappt, zeigt aber wie hilflos damals die Menschen den Milliarden von Maikäfern gegenüberstanden.

Die Maikäfergerichtsbarkeit hat damals einige recht seltsame Blüten getrieben. So wurden Maikäfer, die im 15. Jahrhundert im Schweizer Bistum Chur schwere Schäden angerichtet hatten, dreimal vor Gericht geladen. Die Gerichtsbarkeit war aber äußerst fair und hat den sechsbeinigen Sündern, „weil sie wegen Minderjährigkeit nicht erscheinen konnten“ einen sogenannten Kurator zur Seite gestellt, der die Belange der Maikäfer vor Gericht vertreten hat. Und dieser Kurator argumentierte dann auch äußerst clever, dass auch Maikäfer Geschöpfe Gottes seien, dass die Maikäfer ja schließlich ja schon ewig ihr Zuhause im Bistum Chur hätten, und ihrem Zuhause dürfe man sie ja nicht berauben. Genützt hat die Argumentation wenig, die Maikäfer wurden dann letztendlich in einige abgelegene Täler in Graubünden verbannt.

Richtige Maikäferplagen gibt es schon lange nicht mehr. Nachdem man moderne Insektizide (u. a. DDT) erfunden hatte, wurden die Maikäfer durch großangelegte Sprühaktionen in den 1950er und 1960er Jahren ganz Deutschland massiv bekämpft und an den Rand des Aussterbens gebracht. Inzwischen gibt es aber wieder eine Maikäferrenaissance: Aus einigen Teilen Süddeutschlands werden wieder größere Bestände gemeldet, so dass der Maikäfer dort zum Teil auch schon wieder bekämpft wird.

Aber Maikäfer haben noch viel mehr Interessantes zu bieten. Oder wussten sie etwa, dass vor hundert Jahren Maikäfer in Deutschland nicht etwa ein Arme – Leute – Essen, sondern eine echte Delikatesse waren? In Konditoreien etwa wurden gerne kandierte Maikäfer als Nachtisch angeboten. Das beliebteste Maikäfergericht war aber die berühmte Maikäfersuppe. Rezepte für die Maikäfer-suppe waren damals weit verbreitet. So ist etwa in einer Ausgabe der „Illustrierten Gartenzeitung,” aus dem Jahr 1870 zu lesen: „Man fängt die Käfer, von denen man 30 Stück auf eine Portion rech-nen kann, frisch ein, löst ihnen die hornartigen Flügeldecken und zerstößt die Käfer, nachdem man sie früher sorgfältig gewaschen, in einem Mörser. Hierauf röstet man die Masse in heißer Butter und lässt sie in Fleischbrühe aufkochen, dann die Brühe durch ein feines Haarsieb streichen und richtet die Suppe über geröstete Semmelscheiben an. Namentlich Rekonvaleszenten und schwächlichen Personen ist die Suppe als Kräftigungsmittel zu empfehlen.”

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(c) Alexandra Pixabay

Warum werfen Hirsche im Frühjahr eigentlich ihr Geweih ab?
von Dr. Mario Ludwig

Liebe Umwelt- und Naturfreunde in Viernheim, wenn sie jetzt im Wald spazieren gehen, dann können Sie mit etwas Glück das Geweih eines Rothirsches auf dem Waldboden finden. Im Gegensatz zu Kühen und anderen Hornträgern, entledigen sich männliche Hirsche nämlich jährlich zwischen Februar und April mit schöner Regelmäßigkeit ihres Geweihs. Aber warum werfen Hirsche eigentlich jedes Jahr im Frühjahr ihr Geweih ab? Welcher tiefere biologische Sinn steckt dahinter, dass sich Hirsche Jahr für Jahr ihres Gestänges erledigen, in dessen Bildung sie doch zuvor so viel Mühe und Energie gesteckt haben?
Das ist eine Frage, die Biologen schon seit langem Kopfzerbrechen bereitet, aber die man bisher trotz aller Mühen, bisher noch nicht zufriedenstellend gelöst hat.
Es gibt jedoch ein paar Hypothesen. Eine ältere Theorie und recht unwahrscheinliche Theorie, geht zum Beispiel davon aus, dass über das Geweih bei großer Hitze überschüssige Wärme abgegeben werden kann, und dass das „Gestänge“ daher nur für die heißen Sommermonate benötigt wird. Bei dieser Theorie stellen sich natürlich zwei Fragen: Warum behält der Hirsch dann sein Geweih auch über den Winter und wirft es nicht schon im Herbst, sondern erst im nächsten Frühjahr ab? Und zweitens: Wie werden dann Hirschkühe, die ja ein ganzes Leben kein Geweih ausbilden, mit Hitzeperioden fertig?
Eine weitere Theorie haben Ende der 1970er Jahre 2 Biologen der Universität Calgary entwickelt. Nach deren Meinung, werfen die Hirsche ihr Geweih ab, um nicht gefressen zu werden. Und zwar unmittelbar nach der, für ein Männchen doch körperlich sehr zehrenden, Brunft. Schließlich würde zu diesem Zeitpunkt der Besitz eines Geweihs Fressfeinden ja nur allzu deutlich signalisieren, dass es sich hier, dank mangelnder körperlicher Fitness, um eine leichte Beute handelt. Und deshalb würden sich in diesem Zeitraum Raubtiere, wie etwa Wölfe, natürlich bevorzugt auf Geweihträger stürzen. Hätten sich die erschöpften Hirsche jedoch erst einmal ihres „verräterischen“ Geweihs entledigt, wären sie, nach Ansicht der Wissenschaftler, im „gemischten“ Rudel von Raubtieren nicht mehr als leichtes Opfer auszumachen und deshalb besser geschützt.
Übrigens verursacht der Geweihabwurf zunächst einmal das ganz massive Probleme: Nach dem Abwurf vom Geweih haben die Hirsche nämlich noch eine ganze Zeit lang ganz gewaltige Gleichgewichtsstörungen, weil sich die Halsmuskulatur erst ganz allmählich auf die enorme Entlastung des Kopfes einstellen muss. Schließlich gehen zusammen mit dem Geweih ja auch oft etliche Kilogramm an Gewicht verloren. Aber mit dem Abwurf verliert der Hirsch oft nicht nur Gewicht, sondern er verliert auch Status. Dazu muss man wissen, der Rang in der Hierarchie in einem Hirschrudel, ist umso höher, je größer das Geweih eines Hirschs ist. Das heißt, der Hirsch mit dem größten Geweih ist der Boss und das ist meistens auch der älteste Hirsch. Dummerweise erfolgt der Geweihabwurf aber umso früher, je älter der Hirsch ist. Und das wiederum bedeutet, dass ältere Hirsche im Rudel ihren hohen Rang verlieren und in der Hierarchie nach unten durchgereicht werden. Schließlich haben sie ja gerade ihr wichtigstes Statussymbol verloren. Dann dominieren – wenn auch nur kurzfristig, die jüngeren Hirsche. Schließlich haben die ja zu diesem Zeitpunkt noch ihr Geweih. Selbst ein kapitaler Platzhirsch steht dann auf einmal in der Hierarchie unter einem Jungspund mit winzigem Geweih, der es aber eben noch nicht verloren hat.

Hier noch ein paar interessante Fakten zum Thema:
Abwurf des Geweihs -Aus dem Wildpark Voellinghausen- 

(c) Alexandra Pixabay

Schwarze Intelligenzbestien (ganzes Jahr)
von Dr. Mario Ludwig

Liebe Umwelt- und Naturfreunde in Viernheim, vielleicht haben Sie es ja mitgekriegt. Vor einiger Zeit haben amerikanischen Wissenschaftlern ein IQ-Ranking der Vögel aufgestellt. Und siehe da: Nicht etwa, die so wunderbar sprechenden Graupapageien standen da an Nummer 1, sondern die Rabenvögel. Offensichtlich handelt es sich bei Rabe, Krähe, Eichelhäher und Co. sozusagen um die Einsteins unter den Vögeln. Wissenschaftler attestieren den Rabenvögeln geradezu erstaunliche Hirnleistungen, die sich häufig nur mit denen von Menschenaffen vergleichen lassen. Einige Arten können beispielsweise gezielt komplexe Werkzeuge selbst herstellen, langfristig planen und können sich sogar selbst im Spiegel erkennen. Unter Experten gelten Rabenvögel deshalb als eine der hochentwickeltsten Lebensformen auf unserem Planeten.
Ein ganz wunderbares Beispiel für diese Intelligenz finden wir bei den japanischen Rabenkrähen. Die absolute Lieblingsnahrung von japanischen Rabenkrähen sind ganz klar Walnüsse. Aber dummerweise können die Rabenkrähen die harte Schale der Nüsse nicht knacken. Dazu ist ihr Schnabel einfach zu schwach.
Aber die cleveren Tiere wissen sich zu helfen: Sie lassen die Nüsse nämlich einfach knacken und zwar von Autos. In einigen japanischen Städten warten die schlauen Vögel einfach an den Straßenkreuzungen darauf, dass Autos an der Ampel anhalten. In der Rotphase der Ampel, legen sie dann die Walnüsse vor die Reifen der wartenden Autos. Wird es dann wieder grün, fahren dann die Autos über die Nüsse und knacken sie. Und in der nächsten Rotphase der Ampel können die Rabenkrähen dann die geknackten Nüsse aufsammeln und in aller Seelenruhe verzehren.
Ein regelrechter Superstar in Sachen Intelligenz war die Krähe Betty, die 2002 in einem Labor der Universität Oxford auf ihre Intelligenz hin untersucht wurde. Die Aufgabe von Betty war es, in einem Test einen Futterbehälter mithilfe eines gebogenen Drahtes aus einer Röhre ziehen. Für dieses Experiment hatte man Betty eine ganze Reihe von Drähten zur Verfügung gestellt. Aber nur einer von diesen Drähten hatte auch den richtigen Haken, um den Futterbehälter auch greifen zu können. Aber dummerweise hatte sich den bereits Bettys Bruder, der auch an diesem Experiment teilgenommen hat, geangelt. Eine Tatsache, die Betty nur ganz kurz störte: Sie schnappte sich einfach einen anderen Draht und bog den passgenau zurecht – und das ohne jemals zuvor Erfahrungen mit Metalldrähten gemacht zu haben. Für einen Vogel eine geradezu gigantische Hirnleistung.
Eine ganz andere Art von Intelligenz zeigen dagegen die sogenannte Tower-Raben.
Im Tower von London leben immer 6 Raben. Das hat etwas mit dem alten Mythos zu tun, wonach das Empire untergeht, wenn die Raben, den berühmt- berüchtigten Londoner Tower verlassen. Erstaunlicherweise sind die Tower-Raben aber nicht nur ausgesprochen klug, sondern haben auch einen gewissen Sinn für Humor: Einige der schwarzen Vögel stellen sich nämlich in der Gegenwart von Touristen oft gerne auch mal tot: Einfach leblos auf den Rücken legen, Beine angewinkelt gen Himmel strecken und fertig ist die vermeintliche Rabenleiche. Schaut dann das, von völlig aufgelösten Touristen eilig herbeigerufene Tower-Personal, nach dem Rechten, springen die „Leichen“ fröhlich auf und freuen sich diebisch über ihre gelungene Täuschungsaktion.

(c) pixabay maxilein lizenzfrei
(c) pixabay maxilein lizenzfrei

Schlau, wie ein Fuchs
von Dr. Mario Ludwig

Liebe Umwelt- und Naturfreunde in Viernheim, diesen Ausdruck haben sie mit Sicherheit alle schon einmal gehört: „Schlau wie ein Fuchs!“ – Kaum einem anderen Tier wird eine derart hohe Intelligenz, aber auch eine gewisse Hinterlist so unterstellt, wie unserem Rotfuchs. Unzählige Geschichten und Fabeln drehen sich um den listigen tierischen Schlawiner. In die gleiche Kerbe schlug auch der erste deutsche Populärwissenschaftler Alfred Brehm, als er in seinem bekannten Werk „Brehms Tierleben konstatiert“: „Der Fuchs ist ein Sinnbild der List, Verschlagenheit, Tücke und, wie ich sagen möchte, gemeinen Ritterlichkeit”.
Aber ist der Fuchs wirklich so ausgesprochen schlau, wie immer behauptet wird?
Ja, sagt Sven Herzog, Experte für Wildökologie und Jagdwirtschaft an der Technischen Universität Dresden: „Füchse lernen schnell, erfassen Zusammenhänge und können ihr Wissen dann in raffinierte Strategien umsetzen, die ihnen das Überleben in vielen Situationen sichern“.
Gerade, wenn es um das Überlisten von Beutetieren geht, greift der Fuchs oft ganz tief in die Trickkiste. So wird beispielsweise schon lange kolportiert, dass es Füchse, gibt, die sich auch schon mal totstellen, um aasfressenden Krähen anzulocken. Und hat sich dann eine Krähe der vermeintlichen Leiche, in der Hoffnung auf einen leckeren Leichenschmaus, ungebührlich genähert, erwacht der Fuchs mit einem Schlag aus seiner vorgetäuschten Totenstarre und beißt seinerseits herzhaft zu. Die Wissenschaft hat übrigens lange Zeit bezweifelt, dass der Fuchs tatsächlich über eine derart raffinierte Schauspielkunst verfügt, bis es einem Tierfotografen gelang, den Leichentrick mit einer Bilderserie zu dokumentieren.
Füchse lernen, so die Wissenschaft, nicht nur aus eigenen Fehlern. Für einen Lerneffekt genügt es, wenn die kleinen Raubtiere einen Artgenossen bei einem Fehlverhalten beobachten. Ein Fuchs der beobachtet, wie ein anderer Fuchs von einem Auto überfahren wird, lernt auf diese, zugebenermaßen brutale Art und Weise, die Gefahr, die von einem Fahrzeug ausgeht, künftig richtig einzuschätzen. Apropos Straßenverkehr: In vielen deutschen Großstädten gehören Füchse mittlerweile zum gewohnten Stadtbild. Eine Tatsache, die damit zu tun hat, dass Füchse in der Stadt einen reich gedeckten Tisch vorfinden. Neben einer hohen Dichte an Mäusen, Ratten und Tauben, nämlich reichlich Speiseabfälle. Und mittlerweile haben die klugen Tiere auch längst gelernt, mit dem Straßenverkehr in einer Großstadt umzugehen: In Berlin wurden Füchse dabei beobachtet, wie sie, völlig korrekt, an einer roten Ampel stehen blieben und auf das Grünzeichen warteten.
Und ein gutes Gedächtnis hat der Rotfuchs auch noch. Zumindest, wenn es um das Wiederfinden von sogenannten Nahrungsverstecken geht. So berichtet etwa der deutsche Verhaltensforscher Vitus B. Dröscher von einem Fuchs, der im Winter 43 der 44 Verstecke wiederfand, in denen er im Herbst seine Nahrungsvorräte vergraben hatte.
Aber in Sachen „schlauer Fuchs“ geistern auch diverse fake news durchs Internet. Zum Beispiel die Geschichte, dass Füchse Igel, die sich zu ihrem Schutz eingerollt haben, einfach an einem Fluss oder Teich ins Wasser schubsen, um sie zu zwingen ihre Schutzhaltung aufzugeben. So schlau sind Füchse jetzt dann doch wieder nicht.